Gesichtslähmung über Nacht

Das hier beschriebene "Ereignis" fand im Jahr 2007 statt. Leider hatte sich mein Blog-Artikel dazu ins digitale Nirvana nebst allen Kommentaren verflüchtigt ... . Den Text konnte ich weitgehend rekonstruieren und veröffentliche diesen erneut. Möge er Betroffenen eine Hilfe sein. 

Berlin im Sommer 2007

Zuerst weiß man nicht, was mit einem geschehen ist. Der morgendliche Kaffee landet zur Hälfte auf dem Hemd, das Auge tränt unablässig und der Mund bewegt sich irgendwie komisch. Beim Zähneputzen sabbert man sich den Schaum auf die Kleidung und dann der Blick in den Spiegel. Alles sieht seltsam unsymmetrisch aus. Ein Kussmund wirkt grotesk schief, ein Lächeln zaubert einem einen Mund wie im Film "Scream" ins Gesicht. Beim Versuch, beide Augen zu schließen, bleibt ein Auge offen stehen und man kann sehr schön kontrollieren, wie es eigentlich auf beiden Seiten aussehen sollte.

Symptome und Diagnostik

Das eingangs beschriebene sind Symptome einer Gesichtslähmung. Der Arzt, zu dem man sich zügig begeben sollte, wird es schnell bestätigen. Nach der Diagnose steht dann schnell die wenig erfreuliche Aussage im Raum, dass eine Gesichtslähmung wieder weggehen kann. Aber nicht muss. Ein Schock, der erst einmal verarbeitet werden will. Zu frühen Zeitpunkt der Erstdiagnose ziehen Ärzte alle Register. Nach der ersten Feststellung der typischen Symptome beginnt die Suche nach den Ursachen. Per EEG werden Schlaganfall oder andere neurologische Ursachen ausgeschlossen. Ähnliche Funktion scheinen Hörtest und eine eingehende Untersuchung des Körpers auf andere Ausfälle zu haben. Wenn man kurz vor der Gesichtslähmung in Zeckengebieten, sollte man dem Arzt diese Information nicht vorenthalten. Borreliose und Zoster erfordern eine entsprechende Medikamententherapie. Die Intensität der Diagnostik richtet sich danach, ob man sich stationär oder ambulant behandeln lässt.

Symptomentwicklung und Alltagsleben

Die Symptome waren bei mir nicht von Anfang an vollständig ausgebildet. Nach und nach stellte sich auch noch der Ausfall der Geschmacksnerven in drei Vierteln der Zunge (sehr Diät-freundlich!) ein, sowie eine absolute Geräuschüberempfindlichkeit. Der Verlust des Schmeckens ist nicht nicht untypisch für eine Gesichtslähmung und stellt eine weitere Einschränkung dar. Beeinträchtigt werden alle möglichen alltäglichen Dinge: Durch das Fehlen des unwillkürlichen Lidschlusses beispeilkweise jegliches Lesen; Arbeiten am Computer geht gar nicht, weil die Augen vor Tränen überlaufen. Seit dem bin ich Kunde bei Audible und lasse mir Bücher vorlesen. Überhaupt die Augen, genauer: das gelähmte Auge. Dieses ist so empfindlich, dass man dauernd an sein Leiden erinnert wird. Hilfreich ist es, regelmäßig Augentropfen zu verwenden, um Austrocknung und Bindehautentzündung zu vermeiden. Nachts muss man sich das Auge zukleben, wozu es keine wirkliche Alternative gibt. Wer Hässlichkeit nicht scheut, kann zum Uhrglasverband greifen. Das Ding sieht wirklich so aus, wie es der Name sagt: Eine Art Uhrglas eingebettet in ein große Fläche Hansaplast, das beim Abziehen die Augenbrauen epiliert.

taugliche Hilfsmittel

Wer die Hässlichkeit scheut, dem empfehle ich - so habe ich es sechs Wochen gemacht - nachts einen Streifen Augencreme (bspw. Bepanthen) ins untere Lid zu drücken, einen Mull-ummantelten Wattepad über dem Auge mit Klebestreifen zu fixieren und gegen nächtliches Verrutschen das Ganze mit einer Augenklappe zu sichern. Dieser - die Älteren werden das Bild noch vor Augen haben - Moshe-Dayan-Effekt ist nachts erträglich, tagsüber weckt es das Mitleid von Passanten und reduziert Eintrittspreise auf Behindertenniveau. Sobald auch nur ein leiser Lufthauch weht, bietet es sich an, die Augenklappe aufzusetzen, da jeglicher Wind das gelähmte Auge reizt. Die Gesichtslähmung bleibt anderen Menschen nicht verborgen und so es nicht verwunderlich, dass immer als erstes die Frage gestellt wird, wie man so etwas denn bekommen könne und erst dann, wie es einem damit geht. Es ist dabei vollkommen natürlich, dass sich die lieben Mitmenschen zuerst die Frage stellen, die für sie wichtig ist.

Ursachen und Schulmedizin

Niemand möchte so rumlaufen und wenn es bekannte Risiken gibt, vor den man sich einfach schützen kann, dann will man diese kennen. Ursachen für Gesichtslähmung können sein: eine verschleppte Erkältungskrankheit, Windzug, Stress etc. Kurz: Jeder und jede kann so etwas aus heiterem Himmel bekommen. Und wer sie einmal hatte, hat eine etwas zehnprozentige Chance, einige Jahre später das Ganze mit der anderen Gesichtshälfte noch einmal zu erleben. Bei mir war es so. Erst links, jetzt rechts. Und es kann wieder weggehen. Etwas fundierter informiert Wikipedia zu Facialislähmung.

Was kann man tun?

Die Behandlungsmöglichkeiten bei Gesichtslähmung sind sehr eingeschränkt. Medikamentös kann man Durchblutungsförderliches nehmen und/oder Cortison-haltige Präparate nehmen. Das Zeug kann auf Nerven eine abschwellende Wirkung haben, dafür hat es Nebenwirkungen, die u.a. eine rapide Gewichtszunahme begünstigen können. Gut, wenn die Geschmacksnerven betroffen sind und die Freude am essen bremsen. Wer sich mit Medizinerdeutsch auseinandersetzen mag, dem sei die Leitlinie zur "Idiopathischen Facialisparese" empfphlen.

Physiotherapie ist unverzichtbare Therapie

Wer der Schulmedizin auch nur ein kleines bisschen skeptisch gegenüber steht, könnte angesichts der Therapievorschläge arg ins Grübeln geraten. Bemerkenswerterweise werden die Therapien, die mir am besten geholfen haben, ausgesprochen stiefmütterlich behandelt. Denn ich bin der Meinung, dass neben den wenigen Medikamenten der Rest der Therapie harte Arbeit ist und vollzieht sich in der physiotherapeutischen Praxis. Die verordnete Therapieform heißt Wikipedia zu Propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation - Kurzform PNF - was nichts wesentlich anderes ist als eine Art therapeutisch unterstütztes Grimassenschneiden. Hört sich blöd an, aber es sind gute Momente, wenn man merkt, wie der Mundwinkel beginnt zu zucken und nicht mehr schlaff und nutzlos runter hängt. Nach und nach wird Muskel für Muskel wieder zur Arbeit angeregt, bis das Gesicht wieder symmetrisch ist. Das Grimassenschneiden macht man als guter Patient natürlich in den eigenen vier Wänden weiter.

Auswahl der physiotherapeutischen Praxis entscheidend

In der Regel wird eine physiotherapeutische Praxis vom behandelnden Arzt empfohlen werden. Nach meinen persönlichen Erfahrungen halte ich es aber für sehr wichtig, sich die Praxis genau anzusehen oder sich - besser noch - selbst eine Praxis zu suchen. Das ist etwas zeitaufwändig, lohnt sich aber. Mich hat es etwa 30 Telefonate gekostet, bis ich eine Praxis gefunden hatte, die mir die Frage, ob man Gesichtslähmung schon mal behandelt habe, nicht nur positiv beantwortete, sondern die Therapeutin bereits drei eigene Erfahrungen damit gemacht hatte. Alle anderen Praxen gaben zwar die Auskunft, man könne das (PNF scheint Teil der Ausbildung zu sein), habe es aber noch nicht oder lange nicht mehr praktiziert.
Praxis am Ufer
Die Praxis meiner Wahl wurde die "Praxis am Ufer" in Berlin, die ich über drei Wochen hinweg täglich aufsuchte und für die ich aus Überzeugung werbe. Es beginnt schon bei der Erreichbarkeit und der Gestaltung der Praxisräume. Diese sind barrierefrei zugänglich, gut ausgestattet und die erfahrenen Therapeutinnen sind - nach meiner Erfahrung – in einem sehr hohen Maße engagiert. Nach einer Woche PNF wurden Therapieelemente nach Vojta-Gesellschaft ergänzt. (Kontaktinformationen: Praxis für Physiotherapie, Freda von Heyden-Hendriks, physioufer@gmx.de, Schöneberger Ufer 47, 10785 Berlin, 030 - 2143731).

erfolgreiche Therapie

Diese Therapieform schlug jedenfalls derart positiv an, dass ich Mitte der dritten Woche spüren konnte, wie sich das gelähmte Auge schloss. Nicht-Betroffenen kann ich schwer vermitteln, welche Glücksgefühle dieser Schritt auslöste. Für mich war das mein ganz persönlicher Quantensprung auf dem Weg zurück in ein normales Leben. Nach nur 20 Sitzungen, in den ersten drei Wochen täglich, blicke ich wieder symmetrisch und "normalgesichtig" in die Zukunft. Bei meiner ersten Gesichtslähmung war das keine Sache von Wochen, sondern von Monaten. Der von mir erlebte positive Einfluss der Physiotherapie auf den Heilungsprozess spielt leider in den o.g. medizinischen Leitlinien keine Rolle. Wäre ich an einen konservativen Schulmediziner geraten, wäre ich wohl kaum um die Einnahme von Cortison-Präparaten herum gekommen.

Es wäre sehr zu begrüßen, wenn zukünftig mehr Ärzte enger mit physiotherapeutischen Praxen kooperieren würden. Und umgekehrt. Für die "meine" Praxis am Uferwar es eine Selbstverständlichkeit, meinem Neurologen die Abstimmung des Behandlungsprozesses anzubieten. Genau so wünsche ich es mir als Patient: Mich selber zu informieren, verständlich informiert werden, über meine Erkrankung mitreden und den Behandlungsprozess mitgestalten.